Shared HabitatsTools and Theories for Designing the More-Than-Human City

Perspektiven geteilter Lebensräume

Katharina Schulthess

Es ist Zeit für einen Paradigmenwechsel in der Gestaltung unserer Lebensräume: weg von der ‹concrete city›, hin zur Schwammstadt. Entscheidend ist der Gedanke des geteilten Lebensraums. Die Siedlung gehört nicht einzelnen Nutzungen, sondern allen: Menschen, Vegetation, Fauna – und dem Wasser.

Gehe ich heute von Zuhause zum Bahnhof, wähle ich immer den etwas längeren Weg – dafür denjenigen, der gesäumt ist von grossen Platanenbäumen. Ich bewege mich bewusst und unbewusst entlang grüner Achsen. Dies hat viel mit der so wichtigen Aufenthaltsqualität unseres Siedlungsraums und letztendlich mit dem Konzept Schwammstadt zu tun.

Unsere Siedlungen sind überwiegend aus Beton und Asphalt gebaut – effizient, robust, aber wasserblind. Was jahrzehntelang als Fortschritt galt, wird im Zeichen von Klimakrise, Verdichtung, Starkregen und Hitzeinseln zum Problem. Es braucht neue Ansätze, um sich diesen Herausforderungen zu stellen, wobei die Schwammstadt eine zentrale Rolle einnimmt.

Im Kern des Konzepts ‹Schwammstadt› geht es um den naturnahen Wasserhaushalt. Verdunstung und Versickerung statt Überhitzung und Abfluss. Speicherung und Nutzung statt Verlust und Überlastung der Infrastruktur. Die Idee ist ebenso einfach wie kraftvoll. Statt Regenwasser schnell abzuleiten, wird es aufgenommen, gespeichert, verdunstet, versickert und verzögert wieder abgeben. Die Schwammstadt ist damit das Gegenmodell zur versiegelten Umgebung, welche Wasser abweist, damit Probleme weiterreicht und zu Überschwemmungen oder Hitzeinseln führt. Die Schwammstadt ist kein neuer Ansatz, sondern versinnbildlicht die Zuwendung hin zu natürlichen Prinzipien.

Konkret rücken dabei blau-grüne Infrastrukturen ins Zentrum. Gründächer, entsiegelte Oberflächen, gesunde Baumstandorte, Versickerungs- und Retentionsvolumen, urbane Feuchtbiotope oder offene Wasserläufe ersetzen graue Kanäle, Leitungen und Asphaltflächen. Regenwasserbewirtschaftung wird so zur gestalterischen Chance. Wasser wird sichtbar, erlebbar – und damit Teil des Alltags im Siedlungsraum. Das Schweizer Netzwerk Schwammstadt bietet Hand für die Planung und Umsetzung mittels guter Beispiele und Werkzeuge und fördert den Austausch unter den verschiedenen Akteur:innen der Planungs- und Bauwirtschaft. Mehr Informationen sind unter Infoplattform Schwammstadt zu finden.

FIG. 01

Die 18 ‹sozialen Reservoirs› im Park Grønningen-Bispeparken laden bei Schönwetter zu gemeinschaftlichen Aktivitäten ein. © SLA.

FIG. 02

Eines von 18 Regenwassersammelbecken bei Starkregen im Park Grønningen-Bispeparken in Kopenhagen. Die ‹sozialen Reservoirs› können bis zu 3000 Kubikmeter Wasser speichern. © SLA.

Auch international ist Schwammstadt in vielen Ländern ein Ansatz, mit dem auf die sich ändernden Klimabedingungen reagiert wird. Die Lösungen sind dabei stark abhängig vom lokalen Klima und entsprechend den notwendigen Anpassungsmassnahmen. Eine breite Wissenssammlung, die neben Planungshilfen auch auf die Sensibilisierung diverser Akteur:innen zielt, hat beispielsweise die Berliner Regenwasseragentur aufgebaut. Dänemark setzt mit seiner Wolkenbruchstrategie für Kopenhagen auf grossflächig durchdachte Massnahmen mit stadtweit angesetzten Retentionsräumen und Notwasserwegen. Wer sich inspirieren lassen möchte, kann das kürzlich erschienene Magazin für zukunftsfähige Lebensräume durchstöbern. Darin sind international diverse Schwammstadtprojekte vorgestellt.

Die Schwammstadt ist kein Trend. Sie ist eine Haltung, mit der wir unsere Siedlungen in einen geteilten Lebensraum für alle entwickeln.

Es ist Zeit für einen Paradigmenwechsel in der Gestaltung unserer Lebensräume: weg von der ‹concrete city›, hin zur Schwammstadt. Entscheidend ist der Gedanke des geteilten Lebensraums. Die Siedlung gehört nicht einzelnen Nutzungen, sondern allen: Menschen, Vegetation, Fauna – und dem Wasser. Doch wie könnten konkret verschiedenen Perspektiven auf einen geteilten Lebensraum aussehen? Es folgt ein Versuch, diese einzufangen und die Bandbreite aufzuzeigen.

Die Menschen

Wir leben nicht nur zuhause, sondern genauso im städtischen Aussenraum. Dort bewegen wir uns, begegnen uns, gehen unsere Wege und erholen uns. Wir suchen angenehme Temperaturen, schattige Bäume und schöne Orte. Wir planen, ordnen und gestalten die Stadt – mit Gebäuden, Strassen und Plätzen.

Die Kinder

Wir nehmen die Stadt anders wahr. Wir bleiben stehen, wo Wasser liegt, klettern, balancieren und spielen. Pfützen sind für uns keine Störung, sondern Einladung. Nicht alles muss aufgeräumt sein, damit es gut ist. Wir werden in dieser Stadt aufwachsen. Was heute versiegelt oder offengelassen wird, prägt unsere Wege, unser Spiel und unser Klima. Wir brauchen Wasser, Schatten und Orte, die nicht fertig sind.

Die Wassertropfen

Wir fallen mit der Schwerkraft auf die Erdoberfläche. Ist sie versiegelt, fliessen wir ab, verlassen den lokalen Wasserkreislauf und niemand hat etwas von unserer Kraft. Treffen wir auf natürliche und durchlässige Struktur, können wir verdunsten und die Umgebung kühlen. Oder wir versickern und versorgen Habitate mit Wasser. Uns ist Sorge zu tragen, denn wir sind kein Abfall, sondern eine Ressource.

Der Bach

Ich wurde über Jahrzehnte begradigt und in Siedlungen gerne unter die Erde verbannt, wodurch ich meine ökologischen Funktionen grösstenteils verloren habe. Wenn ich nicht genügend Platz habe, kann ich bei Starkregen zur Gefahr werden und Überschwemmungen verursachen. Es lohnt sich, mich zu revitalisieren, an die Oberfläche zu holen. So können alle von meinem einzigartigen Habitat und Erholungsraum profitieren.

Der Frosch

Ich lebe zwischen den Welten – im Wasser, am Ufer und im feuchten Grün. Ich brauche flache Gewässer, ruhige Zonen und Übergänge, die nicht hart und steil sind. Wenn Bäche eingedolt, Ufer befestigt und Flächen versiegelt werden, verliere ich meinen Lebensraum. Wo Wasser versickern darf, wo Tümpel bleiben und Pflanzen wachsen, finde ich Nahrung, Schutz und einen Ort zum Laichen.

FIG. 03

Im Rahmen der Parkgestaltung entwickelte die Dänische Künstlerin Kerstin Bergendal das Projekt «Concerning a Meadow». Über vier Jahre hinweg arbeitete die Künstlerin gemeinsam mit Anwohner:innen und Planer:innen daran, informelle, experimentelle und spielerische Elemente in den Park zu integrieren. © SLA.

Der Baum

Wenn ich gesund und vital bin, kann ich viel Schatten und eine angenehme Atmosphäre bieten. Meine Wurzeln brauchen Platz, genug Nährstoffe, Luft und Wasser. Auch in der Stadt kann ich mich entfalten und lange leben, wenn ich geschützt werde.

Der Vogel

Beim Überfliegen der Stadt suche ich nach Möglichkeiten. Zum Rasten, zum Futtern, zum Balzen, zum Nisten. Ich brauche Gründächer, verschiedene Bäume, Hecken und Büsche, Kleinstrukturen und Gewässer. In Nischen und unaufgeräumten Räumen fühle ich mich wohl.

Der Boden

Ich bin überall und werde trotzdem oft übersehen. Verdichtet, versiegelt, vergessen – in der Siedlung vielfach künstlich aufgeschüttet und leblos gemacht. Natürlich bin ich porös, speicherfähig und voller Leben. In mir bewegen sich Würmer, Pilze, Insekten und unzählige Mikroorganismen. Ich halte Wasser, Luft und Nährstoffe bereit. Wenn ich atmen kann, trage ich Pflanzen, kühle die Stadt und bilde die Grundlage für alles, was hier lebt.

Die Kanalisation

Ich wurde gebaut, um Abwasser wegzuschaffen, Gewässer zu schützen und Hygiene in der Siedlung zu sichern. Lange habe ich funktioniert, still und unsichtbar. Mit den stärker werdenden Regenereignissen stosse ich immer öfter an meine Grenzen. Ich kann nicht alles gleichzeitig aufnehmen, und mein Ausbau ist teuer und ressourcenintensiv. Haltet so viel Regenwasser wie möglich von mir fern – bevor ich aus allen Nähten platze.

Die Hitzeinsel

Ich entstehe und verweile, wo Asphalt und Beton mich halten. Ich intensiviere mich, wo kein Wasser hinkommt. Vegetation, Schatten und Verdunstungskühle vertreiben mich. Wenn nichts gegen mich unternommen wird, werde ich stärker und vertreibe Mensch und Natur. 

  • Katharina Schulthess

    Katharina Schulthess ist Umweltingenieurin und ausgewiesene Expertin in den Themenfeldern Regenwasserbewirtschaftung, Schwammstadt und Siedlungsentwässerung. Über ihr Unternehmen zirkuleau ist sie in vielfältigen Mandaten für die Sichtbarmachung des Wasserkreislaufs engagiert und verfolgt das Ziel einer wasserintegrierten Siedlungsentwicklung. Das Büro begleitet Gemeinden und allgemeine Bauverantwortliche bei der Umsetzung einer modernen Regenwasserbewirtschaftung und plant ganzheitliche Regenwasserkonzepte.

Titelbild: Der Park Grønningen-Bispeparken ist Teil des Wolkenbruchplans der Stadt Kopenhagen. Er ist so konzipiert, dass er in 18 speziell entworfenen ‹sozialen Becken› bis zu 3.000 m³ Regenwasser aufnehmen kann, die gleichzeitig Raum für gemeinschaftliche Aktivitäten bieten, wenn es trocken ist. © SLA.

Zitiervorschlag: Schulthess, K. (2026). Perspektiven geteilter Lebensräume. Shared Habitats, 1 (Amphibious Living). This contribution is licensed under the CC-BY-NC-ND License 4.0 International (Creative Commons, Attribution, Non Commercial, No Derivatives). The reuse of material from other sources may require further authorizations for use by the respective copyright holders.